Jüdische Liberale Gemeinde Köln
Gescher LaMassoret e.V.
 

Torahrolle-Reparatur


Ein orthodoxer Rabbiner in der liberalen jüdischen Gemeinde von Köln, das war am Sonntag nicht das einzig ungewöhnliche Erlebnis für die zahlreich erschienenen Gläubigen. Doch das ungewöhnliche Treffen war durch die beiden ehrwürdigen, handgeschriebenen Torarollen ausgelöst worden. Vor über hundert Jahren waren die Fünf Bücher Mose mit einer speziellen Tinte geschrieben worden und jetzt zeigten sich bei einigen der Buchstaben Abnutzungserscheinungen. Kaum waren sie beim Verlesen entdeckt worden, wandte sich die Gemeinde an Rabbiner Zvi Alonie aus Mainz. Und der zögerte nicht. Denn eine Gemeinde mit einer defekten Torarolle, aus der das Wort Gottes verkündet wird: das darf nicht sein. Darin waren sich Vorstand und Rabbiner einig - und so erschien der Rabbiner, der ein Spezialist für Torarollen ist, mit Gänsekielfedern zum Schreiben, spezieller, rein pflanzlicher Tinte, und Rasiermessern zum vorsichtigen Abschaben der alten Tinte. Die Ausbesserung der kleinen Fehler, die einem ungeübten Auge kaum aufgefallen wären, dauerte nicht lange. Doch die Arbeit wurde zu Lehrstunde: Denn die Gemeindemitglieder stellten viele Fragen. Und so erfuhren sie, dass Kalbsleder wie schon in der Antike die beste Grundlage zum Schreiben bildet, dass mit der Spitze eines starken Gänsekiels dünne Linien in das Leder eingeritzt werden, um ein sauberes Schriftbild zu erzeugen. Ein geübter Sofer, ein Schreiber, braucht rund ein Jahr, um solch eine Rolle zu schreiben. Doch eingesetzt werden darf sie erst, wenn Gelehrte Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe gegengelesen haben. Dann gilt sie als koscher, und koscher, rein, in Ordnung, sind jetzt auch wieder die Torarollen der liberalen Gemeinde.

Bemerkenswert war auch der spannende, innerjüdische Dialog. Hier ein orthodoxer Rabbiner, dort eine Gemeinde, in der die Gleichheit der Geschlechter praktiziert wird, Frauen ebenso wie Männer den Gottesdienst leiten und selbstverständlich der Gemeinde aus der Tora den Wochenabschnitt vorlesen.

 


So entwickelte sich ein würdevoller, von gegenseitigem Respekt getragener Dialog zwischen liberalem und orthodoxem Judentum im Beisein von Gästen aus der evangelischen Gemeinde Köln Riehl.

Sonja Güntner
- Vorsitzende des Vorstands.

Quelle: Jüdische Liberale Gemeinde Köln, 29.03.2009


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