Jüdische Liberale Gemeinde Köln
Gescher LaMassoret e.V.
 

Aufbegehren gegen den Zentralrat
Die liberale jüdische Minderheit sieht sich ausgegrenzt

Unter den in Deutschland lebenden Juden gibt es Riesenärger. Der Zentralrat der Juden und die Union Progressiver Juden liegen im Clinch. Dabei dreht es sich um die Frage, wer die Juden in dieser Republik repräsentiert. Zentral geht es um Geld.

Seit Beginn der 90er Jahre habe sich quer durch das Land 15 liberale Gemeinden gebildet. Deren Mitglieder glauben, dass die religiöse Lehre Wandlungen unterliegt. Auch hal-ten sie nichts davon, dass Frauen und Männer in der Synagoge getrennt voneinander sitzen und Frauen keine Rabbinerinnen werden können. Insofern ähnelt die Auseinandersetzung jenen in anderen Religionsgemeinschaften.

Der liberale Berliner Jude Walter Homolka, Rektor des Abraham Geiger Kollegs an der Universität Potsdam wirft dem Präsidenten des Zentralrates des Juden, Paul Spiegel, vor, die 3000 Köpfe zählende liberale Minderheit ausgrenzen zu wollen. Es sei "nicht zielführend, wenn es Juden erster und zweiter Klasse gebe". Spiegel spricht seinerseits von ei-ner "Kampagne" der Gegenseite. Überdies sei die liberale Tradition in Deutschland 1945 weithin erloschen. Dem hält Homolka entgegen: "Die liberalen Juden stellen der westlichen Welt die Mehrheit." Wer Recht hat, ist zumal von Außenstehenden kaum zum zu entscheiden.

Die Bundesregierung wird neuerdings voll in den Konflikt hineingezogen - wider Willen. Am 27. Januar 2003 haben die rot-grüne Koalition und der Zentralrat einen Staatsvertrag unterzeichnet, der eine finanzielle Förderung von drei Millionen Euro vorsieht.

Die Union Progressiver Juden unter ihrem Chef Jan Mühlstein fordert, dass der Zentralrat die liberalen Gemeinden endlich aufnimmt, damit auch sie in den Genuss des Geldes kommen. Die Liberalen beanspruchen einen Anteil von maximal 200 000 Euro. Morgen trifft Spiegel auf Bundeskanzler Gerhard Schröder und Innenminister Ott Schily. "Schröder", appelliert Homolka, "muss Spiegel auf Linie bringen."

Eine andere Variante wäre aus Sicht der liberalen Juden, dass die Bundesregierung ihnen zusätzlich Geld angedeihen lässt. Danach sieht es jedoch nicht aus. Die Koalition droht vielmehr damit, den rund 100 000 durch den Zentral vertretenen Juden Fördermittel zu entziehen. Unter der Hand räumt man in der Hauptstadt ein, dass der Staatsvertrag "eilig zusammengeflickt" worden und interpretationsfähig sei. Zugleich herrscht Erstanden über "diese drittklassige Form der Auseinandersetzung". Man liege falsch mit der Erwartung, in der jüdischen Gemeinschaft gehe es vornehmer zu als anderswo. Berichten zufolge ist Spiegels harter Kurs im Zentralrat umstritten. Die Konkurrenz hat gute Kontakte zu den Medien.

Unter dem Strich spricht alles für eine interne Streitschlichtung. Die durch osteuropäische Zuwanderung rasch wachsende jüdische Gemeinde hat andere Sorgen.

Markus Decker

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger, Dienstag, 20. April 2004, S. 4 (Meinung)