Jüdische Liberale Gemeinde Köln
Gescher LaMassoret e.V.
 

Ein Zimmer für sich allein
Liberale jüdische Gemeinden in NRW

"K.West" - Das Feuilleton für NRW (September 2004)
Text: Martin Kuhna


Es ging weniger darum, was man glauben sollte, sondern wie ein Jude sich verhalten sollte, und wie die Gottesdienste aussehen sollten: Ist die Torah göttliche Offenbarung, Wort für Wort und unveränderbar - oder ist sie offen für eine "progressive", fortschreitende Auslegung?

In Deutschland entwickelte sich eine jüdische Reformbewegung, die sich zum Teil weit von der Tradition entfernte. Als Reaktion darauf entstand eine orthodoxe Richtung, die mehr oder minder genau auf der Einhaltung aller überlieferten Gesetze beharrte. Zwischen den beiden etablierte sich eine Variante, die verwirrenderweise meist konservativ genannt wurde. Die Grenzen waren fließend; in der Regel blieben die verschiedenen Richtungen im Rahmen der örtlichen Einheitsgemeinde, aber mit eigenen Synagogen - so auch in Köln.

Deutschland wurde zum Zentrum des modernen Judentums; die Mehrheit der deutschen Juden gehörte einer nicht-orthodoxen Richtung an. Bis der nazistische Massenmord jeder jüdischen Tradition in Deutschland ein Ende machte. Als sich nach dem Krieg die ersten, winzigen jüdischen Gemeinden zusammenfanden, war das kein Wiederbeginn, sondern ein Neuanfang. Die Gruppen bildeten sich vor allem aus "displaced persons", osteuropäischen Juden, die in Deutschland gestrandet waren - ausgerechnet. Sie waren mehrheitlich orthodox geprägt, und das spiegelte sich in den neuen Einheitsgemeinden. Wie früher boten die traditionellen Regeln Heimat in einer fremden Welt. Und nicht einmal jene, die der Orthodoxie nicht zuneigten, hätten die kleinen Gemeinden nach religiösen Unterschieden zersplittern wollen.

Am Ende der 50er Jahre hatten sich die Gemeinden immerhin stabilisiert. In vielen Städten bezogen sie neue, kleine Synagogen. In Köln war es das alte Bethaus in der Roonstraße, das von 1959 an wieder genutzt wurde - ausgerechnet die frühere Synagoge der liberalen Kölner Juden. Doch diese liberale Tradition blieb abgeschnitten - für immer, wie es schien, denn die ohnehin kleinen Gemeinden schrumpften weiter, und es war selbst dann schwierig genug, ein Gemeindeleben zu organisieren, wenn sich alle Mitglieder zusammentaten. Bis vor 15 Jahren die jüdischen Einwanderer aus der zerfallenden Sowjetunion kamen. Unversehens wurden die Alteingesessenen zur Minderheit. Die neuen "Ostjuden" aber waren in der Regel nicht ortho-dox. Eher rechneten sie sich den Liberalen oder Konservativen zu; die meisten waren religiös indifferent oder unwissend. In dieser Situation begann die Suche der deutschen jüdischen Gemeinden nach einer neuen Identität. Die Orthodoxie bekam wieder Konkurrenz von anderen Strömungen.

Die religiösen Impulse kamen aus Amerika, wo die deutsche Tradition des nicht-orthodoxen Judentums sich weiterentwickelt hatte und die Mehrheit der Juden zu solchen Richtungen neigt. In München waren es amerikanische Juden, die die liberale Gemeinde "Beth Shalom" gründeten. In Köln wunderte sich der Brite Michael Lawton über die Dominanz der Orthodo-xen, als er 1987 nach Deutschland kam. Nicht, dass in Deutschland ultra-orthodoxe Strömun-gen oder religiöse Eiferer eine Rolle spielten - aber Gottesdienste, wie Lawton sie aus Lon-don kannte, gab es nicht: mit einer mäßig modernisierten Liturgie, mit Gebeten auch in der Landessprache - und mit Frauen als gleichberechtigten Teilnehmern, die nicht abseits sitzen.

Auch Claudio May war an solche Gottesdienste gewöhnt. Er stammt aus Argentinien, lebt aber seit 20 Jahren in Deutschland. Seine Eltern waren aus Berlin und Münster vor den Nazis geflohen und hatten sich in Argentinien einer Gemeinde angeschlossen, die die vertraute, libe-rale Tradition deutsch-jüdischer Prägung pflegte.


Doch als Claudio May in das Land seiner Eltern kam, fand er davon nichts wieder: "Der orthodoxe Ritus in meiner Bonner Gemeinde ist für mich fremd", sagt May. Er praktizierte seinen Glauben nur noch zu Hause. Bis er jetzt endlich von der liberalen Gemeinde in Köln hörte. An diesem Abend ist er zum ersten Mal dabei. Er ist sicher, dass er wiederkommen wird.

In der Kölner Einheitsgemeinde hatte Michael Lawton keinen Platz für einen liberalen Got-tesdienst gefunden, und so ist es bis heute geblieben. 1996 gründete er mit anderen Interessen-ten die eigene Gemeinde: "Gescher La Massoret", Mitglied der "Union Progressiver Juden in Deutschland". Sie traf sich an verschiedenen Orten zum Gottesdienst, bis sie vor drei Jahren im Keller der Kreuzkapelle Riehl ihre Synagoge einrichtete. Gerade in der Kreuzkapelle hielt die evangelische Kirche während der NS-Zeit "Abschlussgottesdienste" für getaufte Juden, die deportiert werden sollten. Heute blicken Kirchenfunktionäre ratlos auf die seltsame Praxis, die Juden "mit einem Gottesdienst in die Hölle" zu schicken, als gebe man seinen Segen dazu. Nun feiern an eben diesem Ort religiöse Juden ihren eigenen Gottesdienst.

Dass "Gescher La Massoret" bei einer christlichen Gemeinde Unterkunft nimmt, sieht Michael Lawton nicht als Problem, "es könnte aber auch eine andere Organisation sein. Und natürlich wäre es viel schöner, wenn wir eigene Räume hätten." Obendrein ist der Keller unter der Kreuzkapelle feucht, und das tut der pergamentenen Torah-Rolle überhaupt nicht gut. Doch die Gemeinde mit ihren 80 Mitgliedern finanziert sich ausschließlich durch Spenden, da bleibt nicht genug für ein eigenes Domizil.

Einen anderen Weg aus der Orthodoxie ging die "Jüdische Liberale Vereinigung Etz Ami" um den Gelsenkirchener Studenten Chajm Guski. Auch diese kleine Gruppe wünschte sich nicht-orthodoxe Gottesdienste und suchte dafür Verbündete im Ruhrgebiet. Dabei stand als Motiv die Gleichberechtigung von Männern und Frauen klar im Vordergrund, deshalb nannte sich die Gruppe zunächst "egalitärer Minjan". Minjan - das sind die zehn erwachsenen Juden, die es für einen Gottesdienst braucht. Nach orthodoxem Brauch zählen Frauen dabei nicht. Auch die Gelsenkirchener Gemeinde mochte den Egalitären keinen Platz bieten. Mit Glück fand die Gruppe eine alte Landsynagoge im Dörfchen Bork, am nördlichen Rand des Ruhrge-biets. Das Haus war, natürlich, seit 1938 nicht mehr Synagoge gewesen, aber die Stadt Selm, zu der Bork jetzt gehört, hatte das Gebäude renovieren und zum Veranstaltungssaal herrichten lassen. Seit vier Jahren wird es nun auch wieder als Synagoge genutzt.

Einmal im Monat versammeln sich Juden zum Schabbat dort. Während ihre Heimatgemein-den sich in teils hochmodernen Synagogen zu orthodoxen Gottesdiensten treffen, sitzen die Modernisierer in einem kleinen, über 200 Jahre alten Häuschen, wo eine hölzerne Frauen-Empore daran erinnert, was Chajm Guski, Vorbeterin Mirjam Lübke und die anderen ent-schieden hinter sich lassen wollen: die Trennung der Geschlechter. Obwohl "Etz Ami" sich kürzlich ebenfalls offiziell als "e.V." etabliert hat, wollen sie ausdrücklich keine eigene Ge-meinde bilden. Sie halten auch ein wenig Distanz zur Union Progressiver Juden - unter ande-rem, weil diese ihren Streit mit dem Zentralrat der deutschen Juden zu sehr zugespitzt habe: "Wir fragen uns: Musste das sein?", sagt Guski.

Immerhin scheint dieser Streit jetzt entschärft: "Der Zentralrat und die Union sind mit Riesen-schritten aufeinander zugegangen", sagt Unions-Vorsitzender Jan Mühlstein. Der Weg zur Integration der deutschlandweit 13 liberalen Gemeinden in den Zentralrat sei offen. Der Zent-ralrat habe auch zugesagt, die lokalen Einheitsgemeinden zum konstruktiven Dialog zu er-muntern, soweit das nötig scheint. Es hänge, so Mühlstein, sehr von der Konstellation in den jeweiligen Gemeinden ab, ob der Konflikt dort zur Konfrontation werde oder nicht.

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