Jüdische Liberale Gemeinde Köln
Gescher LaMassoret e.V.
 

Ein Zimmer für sich allein
Liberale jüdische Gemeinden in NRW

"K.West" - Das Feuilleton für NRW (September 2004)
Text: Martin Kuhna


Im Kölner Stadtteil Riehl, nicht weit vom Zoo, steht ein merkwürdiges Gebäude. Man könnte es für ein normales bürgerliches Wohnhaus aus der Zeit um 1900 halten, stünde nicht ein übermannshohes Kreuz davor. Tatsächlich verbirgt sich hier die "Kreuzkapelle" der evangelischen Kirchengemeinde Riehl. Auf der linken Seite des Hauses findet sich eine unauffällige Glastür. An Freitagabenden und samstags morgens sieht man Menschen am Kreuz vorbei auf diese Tür zugehen und nach und nach darin verschwinden, zwei, drei Dutzend, manchmal auch mehr. Ein aufmerksamer Beobachter wird registrieren, dass stets zur gleichen Zeit ein Polizeiauto gegenüber der Kreuzkapelle parkt. Es ist nicht der Töpferkreis, der sich hinter der Glastür versammelt.

Von der Tür führt eine Treppe ins Souterrain. Dort treten die Besucher in einen Raum mit zwei länglichen, gedeckten Tischen. Es riecht appetitanregend aus einer kleinen Küche, deren Tür offen steht. Wenn ein neuer Besucher hereinkommt, wird er herzlich begrüßt: "Schabbat Schalom!" Links, hinter einem Paravant, weitet sich der Raum zum einzigen Fenster hin. Dort stehen drei Reihen Stühle im Halbkreis und eine Art Pult: die Synagoge der Kölner jüdischen Gemeinde "Gescher LaMassoret" ("Brücke zur Tradition"). Michael Lawton, Vorsitzender und Vorbeter, legt sich den Gebetsschal um: "Können wir anfangen?"

Mit kräftiger, geschulter Stimme leitet Lawton seine Gemeinde durch Gesänge, Gebete und Lesungen in hebräischer und deutscher Sprache. Die Männer und Frauen sind ernsthaft bei der Sache, auch beim Singen. Niemand bewegt die Lippen nur zum Schein. Die traditionellen jüdischen Melodien schallen durch die offene Gartentür über die Hinterhöfe der Vorstadt. Als der Gottesdienst vorbei ist, stehen alle auf, schütteln Hände oder umarmen einander: "Schabbat Schalom!" Dass Frauen und Männer nebeneinander gesessen haben und gleichermaßen beteiligt waren, wirkt selbstverständlich; es wäre aber in einer typischen, orthodox geprägten deutschen Einheitsgemeinde ausgeschlossen. Dies ist eine liberale Gemeinde.

 


Nun gehen sie hinüber zu den gedeckten Tischen, zum Kiddusch: Schabbat-Segen und gemeinsames Essen. Es gibt den traditionellen Mohn-Hefezopf und verschiedene Salate. Deshalb hat es zuvor so vielversprechend aus der Küche gerochen. Auch zum Kiddusch singen sie wieder. Michael Lawton sagt einige Worte auf deutsch zum aktuellen Wochenabschnitt der Torah. Dann wird gegessen. In der Unterhaltung mischen sich rheinische, russische und englische Töne; die Atmosphäre ist intim, familiär. Nach und nach verabschieden sich die Besucher. Nach etwa zwei Stunden hat der letzte die Glastür zur Straße hinter sich geschlossen. Das Polizeiauto ist verschwunden.

Die Szene ist charakteristisch für die Situation des Judentums in Deutschland. Die einst win-zigen Nachkriegs-Gemeinden sind durch den Zuzug russischer Immigranten groß geworden.. Doch die Integration vieler mittelloser, der deutschen Gesellschaft wie der jüdischen Religion oft gleichermaßen fremder Immigranten ist eine schwierige Aufgabe. Gleichzeitig bewirkt die wachsende Mitgliederzahl, dass Gemeinden sich nach verschiedenen Richtungen jüdischer Glaubenspraxis auffächern. Das geht nicht ohne Konflikte; vielbeachtet war jüngst der Streit zwischen dem orthodox geprägten Zentralrat der Juden und der Union Progressiver Juden um staatliches Fördergeld. In Köln führte der Konflikt dazu, dass die liberale Gemeinde sich nicht in der großen Synagoge trifft, sondern im Keller einer evangelischen Kirchengemeinde. Dass Polizei in der Nähe wacht, wo immer in Deutschland sich Juden zum Gebet versammeln, erinnert an die Gefahr, die ihnen noch immer droht - sei es von glatzköpfigen deutschen Neonazis, sei es von verhetzten jungen Arabern.

Die jüdische Gemeinde Köln, im Jahr 321 erstmals erwähnt, ist die älteste in Deutschland. Doch im Mittelalter gab es immer wieder Verfolgungen und blutige Pogrome; von 1424 bis 1798 wurden Juden in Köln überhaupt nicht geduldet. Erst die Zeit der Aufklärung eröffnete den Juden in Deutschland wieder Perspektiven in der Gesellschaft; 1801 wurde eine neue jüdische Gemeinde in Köln gegründet. In den Zeiten der Bedrängnis war es gut gewesen, sich strikten, jahrhundertealten Regeln anvertrauen zu können. Nun aber wünschten sich viele Juden eine Religion, die sich mehr an der neuen Zeit orientierte.

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